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[Ein Archiv der Revolution] Antonie Pannekoek Archives

Im Anton-Pannekoek-Archiv finden sich Unmengen von Primärquellen nicht nur zum (Leben und) Werk von Anton Pannekoek (1873-1960), dem wohl wichtigsten Theoretiker des Rätekommunismus und Mitbegründer der KAPD, sondern zur »deutsch-holländischen Linken«, also den antiautoritären Kommunisten Anfang der 1920er, überhaupt. Stöbern lohnt sich. Von irgendwo müssen Anregungen für den kommenden Anlauf zur Weltrevolution schließlich herkommen…

[Aus dem Archiv der Revolution] Oscar Wilde, Die Seele des Menschen im Sozialismus (1891)

Den Individualismus sollen wir also durch Sozialismus erlangen. Der Staat muss infolgedessen jede Absicht zu herrschen aufgeben. Er muss sie aufgeben, weil man zwar, wie ein Weiser einmal viele Jahrhunderte vor Christus sagte, die Menschheit sich selbst überlassen kann; aber die Menschheit regieren, das kann man nicht. Alle Arten des Regierens erweisen sich als Missgriff. Der Despotismus ist ungerecht gegen alle, auch gegen den Despoten, der vielleicht zu etwas Besserem bestimmt war. Oligarchien sind ungerecht gegen die vielen, und Ochlokratien sind ungerecht gegen die wenigen. Einmal hat man große Hoffnungen in die Demokratie gesetzt; aber Demokratie ist nichts anderes als das Niederknüppeln des Volkes durch das Volk für das Volk. Das ist erwiesen. Ich muss sagen, es war höchste Zeit. Denn jede Autorität erniedrigt. Sie erniedrigt gleichermaßen Herrscher und Beherrschte. Wird sie gewalttätig, brutal und grausam ausgeübt, so ruft sie eine positive Wirkung hervor, indem sie den Geist der Revolte und den Individualismus anstachelt, der sie vernichten soll. Wird sie mit einer gewissen Großzügigkeit ausgeübt und werden Preise und Belohnungen vergeben, so ist ihre Wirkung furchtbar demoralisierend. In diesem Fall werden sich die Menschen des furchtbaren Druckes, der auf ihnen lastet, weniger bewusst und gehen in einer Art von vulgärem Wohlbehagen durch das Leben wie zahme Haustiere, ohne jemals zu erkennen, dass sie wahrscheinlich die Gedanken anderer Menschen denken, nach den Normen anderer Menschen leben, dass sie gewissermaßen nur die abgelegten Kleider der anderen tragen und niemals, auch nicht einen Augenblick lang, sie selbst sind. »Wer frei sein will«, sagt ein kluger Kopf, »darf sich nicht anpassen.« Und die Autorität, die den Menschen zum Konformismus verleitet, bewirkt unter uns eine sehr grobe Form der übersättigten Barbarei.

Ein individualistisches Plädoyer für den antiautoritären Sozialismus; an den Frühsozialismus erinnernd, die Kritik des Bolschewismus vorwegnehmend — Oscar Wilde: Die Seele des Menschen im Sozialismus in der Übersetzung von Gustav Landauer und Hedwig Lachmann bei Marxists.org: <https://www.marxists.org/deutsch/archiv/wilde/1891/02/seele.htm>.

[Aus dem Archiv der Revolution] Bernhard Reichenbach: Zur Geschichte der Kommunistischen Arbeiter-Partei Deutschlands

Die folgende Arbeit will aus dem sehr verstreuten Material der Publikationen, der Protokolle und Presseäußerungen der K.A.P.D., den Kundgebungen innerhalb eines entscheidenden Abschnittes der Deutschen Revolution, ein geschlossenes Bild geben von der Entwicklung, dem Werden und Wirken der K.A.P.D., ihrer theoretischen Grundlage und der besonderen Stellung, die sie innerhalb der mannigfachen Schichtung des deutschen Proletariats und der sieh auf MARX berufenden Arbeiterparteien einnimmt. Ich habe daher Wert darauf gelegt, nach Möglichkeit die Partei selbst in ihren Dokumenten zu Wort kommen zu lassen. Soweit nicht der Text die Quellen zitiert, wird auf das Literaturverzeichnis am Schluß hingewiesen.

Die REICHENBACHsche Abhandlung bildet ein Pendant zu der Studie JOHANNES WERTHEIMS über „Die Föderation revolutionärer Sozialisten Internationale” in diesem Archiv XII, 297/309. Sie stammt ebenfalls von einem an der geschilderten Entwicklung persönlich führend beteiligten Parteipolitiker und ist mit parteipolitischem Temperament, also gewiß nicht sine iro et studio geschrieben. Beide Artikel jedoch erscheinen besonders wertvoll, weil sie das — jetzt schon sehr schwer zuglängliche — Material zur Kenntnis zweier Nebenströmungen im großen Strom der deutschen und österreichischen sozialistischen Arbeiterbewegung nach dem Weltkriege näherbringen und für die Erinnerung festhalten.

Anmerkungen von Carl Grünberg, dem Herausgeber des “Archiv für die Geschichte des Sozialismus”.

Bernd Reichenbach, Zur Geschichte der KAPD; in: Archiv für die Geschichte des Sozialismus, XIII (1928)